verfluchter gehorsam
verfluchtes treusein
ich werde festgenagelt
gezwungen
überredet
verpflichtet
verführt
eingeschworen
zu gehorchen
folgsam zu sein
befehle zu erfüllen
ich darf nicht mehr
auf mich selber hören
nicht mehr nach meiner
meinung entscheiden
ich hab mich fesseln lassen in
treue und gehorsam

Karin Jahr

es ist wie ein Tanz auf dem Vulkan
jetzt demonstrieren noch Muskelmenschen
schwingen Plakate
rufen Parolen
rotten sich zusammen
sie versammeln nicht nur ihresgleichen
immer mehr Bürger stimmen mit ein
sie rufen die gleichen Parolen
fühlen sich im Recht
fühlen sich mutig
werden immer lauter
haben Angst vor den Fremden
haben Angst
um ihre Frauen und Kinder
um ihr Volk
um ihre Habe oder sonst was
kann nicht sehr plötzlich
aus diesem Züngeln
ein Marschieren im Gleichschritt werden
oder ist es nicht so ernst gemeint
aber
es ist eine Gratwanderung

Karin Jahr

auch wenn es heute wieder
nur ein traum bleibt
auch wenn ich heute wiederum
an meine grenzen stoße
auch wenn ich heute
keinen schritt weiterkomme
auf der stelle trete
im kreise drehe
im nebel irre
herum taste
wie ein blinder
will ich nicht aufgeben
werde ich nicht verzweifeln
trotz alledem
glaube ich
hoffe ich
vertraue ich

Karin Jahr

dann werde ich an deiner hand
durch die lüfte schweben
und mit dir durch die zeiten gleiten
du wirst bei mir sein
ich werde kein alleingelassen
mehr spüren
deine hand wird alle wunden heilen
meine enttäuschungen werden unwichtig
wie luftblasen werden sie vergehen
dann wird es hell werden um mich
und alles wird gut werden
und bis dahin will ich meine hoffnung
nicht verlieren

Karin Jahr

An unserem Ende
werden wir hinübergleiten
oder hinübergezogen
werden wir hinüber wollen
werden wir hier bleiben wollen
an unserem guten Ende
wenn unsere Tage ausgezählt sind
wird es ein gutes Ende sein?

Karin Jahr

Wieder sind Dämonen erwacht
sie machen sich stark
sie sammeln Kräfte
sammeln Gleichgesinnte
sie machen andere zu Gleichgesinnten
sie schweben auf einer Wahnsinnswolke
fühlen sich übermächtig
anders
großartig
nur eines interessiert sie
sie wollen nur noch
für ihre Überzeugung leben
und töten
oder auch sterben
nichts sonst hat einen Wert

sag mir doch einer
was eigentlich läuft in diesen
hirnrissigen Köpfen ab

Karin Jahr

Worte
wir leben von Worten
mit Worten
Worte können kluge Worte sein
mit Bedacht gesprochene
Worte die Mut machen
die Hoffnung geben
Worte des Verstehens
des Vertrauens
der Empathie
und starke Worte der Liebe
oder wir gebrauchen
leere Worte
nichts sagende Worte
unüberlegte kränkende Worte
vielleicht auch
gezielt abtötende Worte
aber das Schlimmste ist
wenn es keine Worte mehr gibt
nur noch eisiges Schweigen
wortlose Erstarrung
tot bringende Wortlosigkeit

Karin Jahr

Nein mein Glaube ist nichts
das ich irgendeinem Menschen
irgendeiner Kirche
oder einem Himmel
zuliebe lebte
mein Glaube ist meine einzige Chance
das was mich am Leben hält
das was mich den nächsten Atemzug
wagen lässt
wenn mein Hals mir wie zugeschnürt ist
wenn mein Blut in den Adern erstarren will
wenn mein Herz zu müde ist
wenn mir alles abhanden kommt
wenn alles entgleitet
alles kalt und lieblos ist
wenn ich meine letzte Hoffnung
schwinden sehe
mir alles fremd und
unwirklich wird
die einst liebsten Menschen
sich mir entfernen
dann habe ich nur die eine Rettung
dann hilft mir nur das eine
unbegreiflich
unfassbar
nicht erklärbar
nicht mitteilbar

ich stürze in eine weiche Hand
es umhüllt mich wie ein gütiger Mantel
und alles sonst wird unwichtig

Karin Jahr

Das Böse kommt
im weißen Kleid
es gibt sich erhaben
edel und liebenswert
bestechend
vor Güte
makellos und fein
fehlerfrei
sei auf der Hut
vor den guten
Verführern
die dich verschlingen
mit einem Lächeln
im Gesicht

Karin Jahr

Die bösen Geister
die Machtgeister
die Verwirrspieler
die Verführer
Verdreher
Angstmacher
schleichen umher
und
wenn wir nicht wach sind
nicht konsequent
uns nicht treu sind
wenn wir unseren Hals
nicht voll bekommen können
wenn wir unser Leben
nicht mehr wertschätzen
wenn es uns langweilig wird
wie verwöhnten Kindern
dann kommen sie aus Löchern und Ritzen
dann überfallen sie uns wie eine Krankheit
und versuchen uns zu verschlingen

Karin Jahr