Was haben wir hier losgetreten
was ist uns aus der Hand geglitten
welcher Wahnwitz hat von uns Besitz
ergriffen
haben wir uns jetzt zurück entwickelt
zu Steinzeitmenschen
hatten wir nicht von Fortschritt geträumt
glaubten wir nicht an unsere
Menschlichkeit
dachten wir nicht
die Zeiten der Barbarei seien vorüber
und
zugleich turnen vereinzelte
Bessere
Reichere
Auserwählte
wie Schaufensterpuppen
um sich selber
sie fühlen nichts
nur sich selber
sie sehen nichts
nur sich selber
eitel und hohl
wie Schablonen
wie Geister
ohne Geist
wie Menschen
ohne Menschlichkeit

Karin Jahr

Das Böse kommt
im weißen Kleid
es gibt sich erhaben
edel und liebenswert
bestechend
vor Güte
makellos und fein
fehlerfrei
sei auf der Hut
vor den guten
Verführern
die dich verschlingen
mit einem Lächeln
im Gesicht

Karin Jahr

Die bösen Geister
die Machtgeister
die Verwirrspieler
die Verführer
Verdreher
Angstmacher
schleichen umher
und
wenn wir nicht wach sind
nicht konsequent
uns nicht treu sind
wenn wir unseren Hals
nicht voll bekommen können
wenn wir unser Leben
nicht mehr wertschätzen
wenn es uns langweilig wird
wie verwöhnten Kindern
dann kommen sie aus Löchern und Ritzen
dann überfallen sie uns wie eine Krankheit
und versuchen uns zu verschlingen

Karin Jahr

verfluchter gehorsam
verfluchtes treusein
ich werde festgenagelt
gezwungen
überredet
verpflichtet
verführt
eingeschworen
zu gehorchen
folgsam zu sein
befehle zu erfüllen
ich darf nicht mehr
auf mich selber hören
nicht mehr nach meiner
meinung entscheiden
ich hab mich fesseln lassen in
treue und gehorsam

Karin Jahr

Wer es nicht selber erlebt hat
wer nicht selber auf der Flucht war
wer nicht selber alles zurücklassen musste
alles was ihm lieb war
wer nicht erlebt hat was es heisst
in der Fremde sein
bei fremden Menschen
mit einer fremden Sprache
wie soll er wissen was es heisst
angewiesen zu sein auf die Hilfe anderer
angewiesen auf die Güte anderer
abhängig
wer nie ohne Heim war
wer nie auf der Flucht war
wer es nicht selber erlebt hat
wie soll er es wissen

Karin Jahr

wir werden immer älter
werden wir auch klüger
immer stärker
werden wir besser
wissender
erfahrener
engagierter
und gelassener
mutiger
froher
versöhnlicher
gewagter
draufgängerischer
wir bekommen narben
viele narben
das ist das leben
ich mag meine narben

Karin Jahr

auch wenn es heute wieder
nur ein traum bleibt
auch wenn ich heute wiederum
an meine grenzen stoße
auch wenn ich heute
keinen schritt weiterkomme
auf der stelle trete
im kreise drehe
im nebel irre
herum taste
wie ein blinder
will ich nicht aufgeben
werde ich nicht verzweifeln
trotz alledem
glaube ich
hoffe ich
vertraue ich

Karin Jahr

An unserem Ende
werden wir hinübergleiten
oder hinübergezogen
werden wir hinüber wollen
werden wir hier bleiben wollen
an unserem guten Ende
wenn unsere Tage ausgezählt sind
wird es ein gutes Ende sein?

Karin Jahr

immer besser werden
immer perfekter werden
sich immer schöner
machen
vor allem
immer jung bleiben
und überhaupt
immer und überall bewundert
werden wollen
der Überflieger sein
der King
wir müssen unsere Fähigkeiten
nicht nur nützen
nein
wir müssen sie
optimieren
das Beste aus uns machen
das Beste aus unserem Körper
heraus holen
es im Beruf am weitesten
bringen
nichts unversucht lassen
um uns zu steigern

welcher Wahnwitz treibt
uns eigentlich
auf welcher Rennstrecke
sind wir unterwegs
als ob wir so zufrieden
werden könnten

Karin Jahr

Vertrauen
Vertrauen ist ein Geschenk des Himmels
eine Schwester der Liebe
es ist das Wertvollste in unserem Leben
nichts ist so wichtig
so unentbehrlich
so beruhigend
nichts kann uns tragen
wie nur das Vertrauen zu einem Menschen
es ist der Boden auf dem Leben wachsen kann
auf dem wir nicht alleine sind
nur so können wir
mit Mut in die Zukunft schauen
wenn ich einem Menschen vertrauen kann
dann bin ich gerettet
dann versinke ich nicht in meinen Nöten
dann wächst mir neuer Lebensmut

aber wehe dem Dämon
der versucht Vertrauen zu zerschlagen
der Unfrieden stiftet
der Zweifel sät
der auseinander bringt
wehe ihm

Karin Jahr